Barrieren brechen – Ein Projekt der Sozialheld*innen

Forderungspapier anlässlich des Welttags der Patientensicherheit – Gesundheit für Alle

Logo: Welttag der Patientensicherheit 17. September

Anlässlich des Welttages der Patientensicherheit am 17.September 2021 stellen der Deutsche Caritasverband e.V. und der Sozialhelden e.V. Forderungen für ein Gesundheitswesen für alle Menschen. Mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl und anschließenden Koalitionsverhandlungen muss die Politik Maßnahmen ergreifen, um eine sichere und qualitative Versorgung gerade auch von Menschen mit Behinderungen sicherzustellen.

Massive Versorgungslücken für Menschen mit Behinderungen

Das Recht auf bestmögliche gesundheitliche Versorgung und freie Arztwahl sind Grundprinzipien der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Voraussetzung dafür ist ein gleicher und barrierefreier Zugang zu allen Leistungen der Gesundheitsversorgung, die auch Prävention, Rehabilitation und Pflege umfasst. Die Corona-Pandemie hat brennglasartig gezeigt, welche Defizite und Lücken hierbei nicht zuletzt für Menschen mit Behinderungen bestehen.

So ist die Mehrheit der Arztpraxen in Deutschland weiterhin nicht barrierefrei.1 Bei Facharztpraxen gestaltet sich die Situation noch um einiges dramatischer: Einer Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2019 zufolge erfüllen beispielsweise nur 82 von 1365, also gerade einmal sechs Prozent der erfassten gynäkologischen Arztpraxen2, die Anforderungen an Barrierefreiheit. Neben dem baulichen Umfeld verhindern vor allem Kommunikationsschwierigkeiten gleichberechtigte Zugänge zur ambulanten Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderungen. Termine sind beispielsweise häufig nur telefonisch vereinbar oder die Verfügbarkeit von Laut- und Gebärdensprachdolmetscher*innen ist stark eingeschränkt. Hinzu kommt fehlendes Wissen und Sensibilisierung beim Umgang mit z.B. Menschen mit Lernbehinderungen oder Schwerst- und Mehrfachbehinderungen. Das führt dazu, dass Menschen mit Behinderungen oft keine geeignete Arztpraxis gemeindenah auffinden. Durch den Ärztemangel im ländlichen Raum wird dieser Versorgungsengpass noch verstärkt. Die fehlende Barrierefreiheit von Arztpraxen schränkt damit nicht nur die freie Arztwahl dramatisch ein, sondern gefährdet die Versorgungssicherheit von Menschen mit Behinderungen. Zur sicheren Versorgung gehört, dass Menschen Gesundheitseinrichtungen und -Informationen identifizieren, physisch aufsuchen und inhaltlich verstehen können. Deswegen fordern der Deutsche Caritasverband und die Sozialheld*innen anlässlich des Welttags der Patientensicherheit hier den Abbau physischer wie kommunikativer Barrieren bei der Inanspruchnahme der gesundheitlichen Basisversorgung. 

Wir fordern:

  • Förderprogramm für die Herstellung baulicher Barrierefreiheit von Arztpraxen

Zur Erreichung des Ziels einer vollständig barrierefreien ambulanten Versorgungsstrukturen bis 2040 bedarf es einer Unterstützung bestehender Arztpraxen in Form eines staatlichen Förderprogramms. Dazu könnte etwa das im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung beschlossene Förderprogramm “Barrierefreiheit verwirklichen” genutzt werden.

  • Verpflichtung zu angemessenen Vorkehrungen im Hinblick auf Barrierefreiheit bei der Neuzulassung von Arztpraxen

Barrierefreiheit in der gesundheitlichen Versorgung muss ein Standard werden – auch um aufwendige Nachrüstung von Barrierefreiheit zu verhindern. Wenn wir das Ziel eines barrierefreien Gesundheitssystems erreichen wollen, müssen zukünftige Neueinrichtungen von Anfang an für alle Menschen zugänglich sein. Ärztinnen und Ärzte sollten deshalb angemessene Vorkehrungen treffen, wenn sie die Neuzulassung einer Praxis beantragen, wenn dies nicht unzumutbar ist.

  • Spezifische Bedarfe von Menschen mit Behinderungen als Teil der Berufsausbildung

Curricula der Studiengänge und Ausbildungsberufe im Gesundheitswesen müssen Bestandteile zu Begleit- und Folgeerkrankungen behinderter Menschen, sowie chronisch kranker Menschen enthalten sowie Wissen zu Besonderheiten bei bestimmten Behinderungen sowie Anforderungen an die Kommunikation vermitteln. In einer Erhebung zur Barrieren im Gesundheitswesen richteten sich 56% der Beschwerden auf Kommunikationsschwierigkeiten.3 Für Gebärdensprachen-Dolmetscher*innen bedarf es spezifischer Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Übersetzungstätigkeiten im medizinisch-fachlichen Kontext. Bedarfsgerechte Kommunikation für Patient*innen mit Lernbehinderungen, Demenz und Fremdsprachlichkeit müssen verpflichtender Teil der Aus- und Weiterbildungsordnungen werden.

Interview mit Volker Hennen

Volker Hennen lebt und arbeitet in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Im Interview erzählt er, wie es ihm beim Arztbesuch geht und welche Unterstützung er sich wünscht.

Volker Hennen's Portrait. Text: Ich habe beim Arzt lieber jemanden dabei, der mir erklärt, was die Fachausdrücke bedeuten.

Stellen Sie sich vor, Sie brauchen einen Hausarzttermin. Wie ist das für Sie? Wie kommen Sie in einer Praxis zurecht?

Ich rufe meine Hausärztin hier in der Ortschaft an oder ich frage meine Betreuerin, ob sie anrufen und nach einem Termin fragen kann. Ich gehe dann mit meiner Betreuerin zum Termin. Insgesamt komme ich so gut mit den Ärzten hier zurecht.

Wenn Sie von einer Betreuerin begleitet werden: Sind sie dann auf die Begleitung angewiesen oder können Sie auch alleine zum Hausarzt gehen?

Ich kann auch alleine zum Arzt gehen, aber ich habe lieber jemanden dabei, wenn der Arzt Fachausdrücke benutzt. Dann ist jemand da, der mir erklären kann, was die Fachausdrücke bedeuten.

Die Ärztin kann ihnen das nicht erklären?

Das ist schwierig.

Wie könnte das besser werden? Es gibt zum Beispiel die Idee, dass Ärzte lernen müssen „Leichte Sprache“ zu sprechen.

Das wäre gut. Das finde ich eine gute Idee!

Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der sie sich besonders geärgert haben oder ohne fremde Hilfe nicht weitergekommen sind?

Ein Kollege von mir musste neulich drei Stunden warten, bis er den Arzt in der Praxis sprechen konnte. Er saß drei Stunden im Wartezimmer. Ich nehme an, dass die Ärzte viel zu tun hatten und keine Zeit haben. Aber das ist doch ärgerlich! Deshalb würde ich mir wünschen, dass bei der Arztpraxis Termine eingehalten werden.

Mit dem Arztbesuch ist es häufig nicht getan. Wie ist die Situation denn zum Beispiel in der Apotheke?

Meine Apotheke hier im Ort ist barrierefrei. Da kann jeder hin, da gibt es keine Probleme.

Wie ist die Situation bei ihrem eigenen Hausarzt?

Ich gehe zu den Ärzten im MVZ im Heinrich-Haus. Und da ist die Situation angemessen. Da kommen aber auch Leute zu den allgemeinen Ärzten, die nicht im Heinrich-Haus leben oder arbeiten.

(Anmerkung der Redaktion: das „medizinische Versorgungszentrum“, MVZ ist ein inklusives und barrierefreies Behandlungszentrum, in dem verschiedene allgemeinmedizinische und fachspezifische Praxen untergebracht sind.)

Interview mit Laura Mench

Laura Mench zeigt tagtäglich, was Inklusion in der Praxis bedeutet. Im Interview erklärt sie, was sie beim Arztbesuch stört.

Laura Mench in ihrem Rollstuhl. Text: Hier in Berlin brauchen wir mehr barrierefreie Arztpraxen, gleichmäßig auf die Bezirke verteilt.

Stellen Sie sich vor, Sie brauchen einen Termin bei einer typischen Arztpraxis: Wie ist so ein Hausarztbesuch für Sie?

Für eine Frau im Rollstuhl gibt es einige Hürden. Hier in Berlin wurden viele Arztpraxen in einigen Bezirken geschlossen. Die bestehenden Praxen sind so überlastet, dass keine Hausbesuche mehr gemacht werden. Deshalb muss ich zu meiner Hausarztpraxis in Charlottenburg 45 Minuten mit dem Auto fahren.

Bei Gynäkologen und Gynäkologinnen ist es besonders problematisch: Wenn die körperlichen Voraussetzungen nicht gegeben sind, um auf dem Behandlungsstuhl zu sitzen gibt es oft keine Alternative. In den meisten Praxen sind die Geräte fest installiert und deshalb kann man zum Beispiel nicht im Liegen behandelt werden.

Können Sie sich an eine konkrete Situation erinnern, in der Sie ohne fremde Hilfe nicht mehr weitergekommen sind?

Erst neulich war ich zum Corona-Test in einem Einkaufs-Zentrum. Zum Glück hatte ich eine Assistenzkraft dabei, denn beim Test-Zentrum war alles viel zu hoch:

Der QR-Code für die Anmeldung, war so weit oben aufgehangen, dass selbst meine Assistenzkraft Probleme hatte, den mit dem Handy zu scannen. Der Tresen bei der Anmeldung war so hoch, dass sich auch die Frau dahinter strecken musste, um drüber sehen zu können. Und ohne Hilfe hätte ich mein Test-Röhrchen weder entgegennehmen noch abgeben können. Nur die Testkabine gerade großgenug, um vorwärts rein und rückwärts wieder rauszufahren.

Ohne Assistenz ist eine Person im Rollstuhl da aufgeschmissen. Denn wegen der Abstandsregeln sind da ja auch keine anderen Personen, die helfen könnten.

Was muss die Politik tun, damit ein Arztbesuch besser möglich ist?

Hier in Berlin brauchen wir mehr barrierefreie Arztpraxen. Diese müssen auch gleichmäßig auf die Bezirke verteilt sein. Deshalb braucht es eine gesetzliche Verpflichtung, dass Praxen barrierefrei sein müssen, die auch unabhängig vom Denkmalschutz gilt. Denn „Denkmalschutz“ ist die häufigste Ausrede, wenn es darum geht das ein Gebäude keine Rampe hat oder auf andere Art- und Weise nicht zugänglich ist.

Fußnoten

  1. In der Bundestagsdrucksache 19/23214 vom 08.10.2020 erläutert die Bundesregierung in Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Fraktion DIE GRÜNEN, dass ca. 26 % der Hausarztpraxen bzw. Spezialpraxen vollständig barrierefrei und etwa 28% der Hausarzt- bzw. Spezialarztpraxen eingeschränkt barrierefrei seien. Demzufolge sind immer noch gut ⅔ der Arztpraxen in Deutschland nicht barrierefrei zugänglich für Menschen mit Behinderung.
  2. Homberg et. al., 2019, “Evaluation von Spezialambulanzen und gynäkologischen Sprechstundenangeboten zur gynäkologischen und geburtshilflichen Versorgung von Frauen mit Behinderung”, Universität Bielefeld im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit.
  3. Welti/Groskreutz/Hlava/Rambausek/Ramm/Wenckebach (2014): Evaluation des Behindertengleichstellungsgesetztes. BMAS-Forschungsbericht, Bd. 445, Bonn.