Barrieren der Woche im ÖPNV


Diese Woche sammelten wir eure Barrieren im öffentlichen Personen-Nahverkehr. Hinter dem etwas sperrigen Wort verbirgt sich eine der größten Quellen für Barrieren, die Menschen mit Behinderung im Alltag überwinden müssen. Seit unserer Gründung im Januar werden wir regelmäßig auf unhaltbare Zustände in Zügen, Bussen und Bahnen hingewiesen. Es gibt auch schon länger mehrere Kampagnen und Gruppen, die genau dieses Thema bearbeiten, da Mobilität und Bewegungsfreiheit für ein selbstbestimmtes Leben dermaßen grundlegend sind.

Die Hindernisse hier beginnen schon weit vor dem Losfahren. Busse haben meist nur einen Rollstuhlplatz, es ist telefonisch nicht zu erfahren, welcher Bus wann vielleicht größer ausgestattet ist. Eine Mutter, die wie ihr Kind im E-Rolli unterwegs ist, kann somit in der Regel nicht mit dem Kind unterwegs sein. Auch Bahnen sind nur sehr spärlich ausgestattet, eine Gruppe von mehreren Rollstuhlfahrer*innen kann kaum mit dem Zug reisen. Sogar im allerneusten ICE gibt es bei 440 Sitzplätzen 2 Rollstuhlplätze. Wer nicht sehen kann, ist auf Ansagen angewiesen, welcher Bus einfährt, diese sind jedoch nur selten vorhanden. Die Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn, die man beim Buchen von Plätzen für Menschen mit Behinderung in aller Regel einschalten muss, ist „von vorn bis hinten eine Barriere“, wie eine Leserin schreibt. Es ist kompliziert, unflexibel und wird zeitlich erheblich eingeschränkt, als müssten Behinderte nicht früh auf der Arbeit sein oder nie auch mal spät heimkommen. Wer eine Rampe zum Einstieg in den Zug braucht, muss das einen Tag vorher anmelden, spontanes Verreisen mit dem Regionalexpress ist somit nicht möglich.

Wer die ersten Hürden überwinden konnte, kommt an der Haltestelle oder dem Bahnhof an. Dort geht es weiter. Eine Haltestelle ohne Dach wird im Regen schnell zum riesigen Problem für alle, die nicht schnell irgendwoanders Schutz suchen können. Falls überhaupt ein Fahrstuhl vorhanden ist, ist er womöglich defekt. Die Reparatur kann schnell erfolgen, es kommt aber auch vor, dass sich wochenlang oder sogar über Jahre (!) nichts tut. Ist er funktionsfähig, sind die Wartezeiten mitunter sehr groß, weil alle möglichen Leute ihn benutzen, die nicht wirklich darauf angewiesen sind. Es kommt vor, dass man so einen Zug verpasst. Viele Haltestelle haben keine oder sehr steile Rampen und meist keine Leitsysteme für Menschen mit Sehbehinderung. Es gibt bei renovierten Bahnsteigen oft weniger Sitze als früher, sodass Menschen, die Stehen anstrengt, es noch schwerer haben.
Als nächster Schritt kommt das Einsteigen dran. Busse haben für Rollstühle eine ausklappbare Rampe, jedoch zeigen manche Busfahrer*innen erkennbar keinen Willen, diese anzubringen und schimpfen. Wenn bei älteren Straßenbahnmodellen Stufen dran sind, ist gar kein Zustieg möglich. Auch für Menschen mit Gehbehinderung sind die Treppen ein Problem, da die Stufen oft recht klein sind und die Bahnen oder Busse meist recht schnell wieder losfahren und dann die Gefahr besteht, hinzufallen. Auch ohne Stufen stehen des öfteren viele Leute (mit Fahrrädern) im Eingangsbereich, um möglichst schnell loszukommen und behindern somit den Zustieg. Der zu große Abstand von Bahnen zur Bahnsteigkante ist bei älteren Modellen zudem auch ein Problem.

Wer es nun doch hineingeschafft hat, muss sich oft genug mit rücksichtlosen Mitfahrer*innen herumärgern, die den Weg blockieren und nicht hören, wenn jemand durch muss. Falls die Bahn oder der Bus es wie meistens eilig hat, kann man dadurch auch mal den Halt verpassen. Gerade in Bussen sind reguläre Sitze oft nur über Stufen zu erreichen, die bei schwankender Fahrt sowieso schon nicht für alle einfach zu besetzen sind. Weniger bekannte Hilfsmittel wie ein Laufrad mit Sattel führen öfter zu Konflikten, wenn Kontrolleure dafür extra Tickets sehen wollen, obwohl die Richtlinie der Bahn selbst sagt, dass diese von Menschen mit Behinderung kostenlos mitgeführt werden können. In dem Fall hat die Betroffene mittlerweile die Richtline ausgedruckt dabei. Dass im Moment die eigentlich herrschende Maskenpflicht im ÖPNV meist gar nicht durchgesetzt wird, führt dazu, dass Risikogruppen umso größeren Risiken ausgesetzt sind.

Wer es nun trotz aller Widrigkeiten soweit geschafft hat, kann immer noch daran scheitern, dass die Haltestelle nicht durchgesagt wird, die Fahrer*innen die Rampe nicht hinlegen wollen, Bus/Bahn nur sehr kurz halten oder die schon genannten physischen Barrieren an der Endhaltestelle wieder auftauchen. Für geräuschempfindliche Ohren ist darüber hinaus das Piepen der Türen mancher U-Bahnen schwer erträglich.

Es ist im Bereich der Mobilität für Menschen mit Behinderung also noch so viel zu tun, dass man schlicht konstatieren muss, dass das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit hier eklatant verletzt wird. Wenn die Reden von Demokratie und Freiheit nicht nur Worthülsen sein sollen, muss dieser Zustand schleunigst behoben werden.