Barrieren der Woche bei der Arbeit

Weißes Quadrat mit türkisem Rand und Aufschrift: Barrieren der Woche beim Thema Arbeit: Ergebnisse

Diese Woche fragten wir euch auf unsere Social-Media-Kanälen nach den Barrieren, die euch auf der Arbeit begegnen. Wie zu erwarten war, kamen auch hier einige Einsendungen zusammen, die wir euch nun zusammenfassen.
Chronologisch betrachtet beginnen die Barrieren schon vor dem Zugang zum Arbeitsmarkt. Wir haben ja auch schon nach Barrieren im Schulsystem gefragt, diese führen des öfteren auch zu eingeschränkten Möglichkeiten in der Arbeitswelt. Vielen Menschen mit Behinderung wird es fast unmöglich gemacht, überhaupt einer regulären Lohnarbeit nachzugehen, weil es kaum verbindliche Regelungen für Barrierefreiheit in der Privatwirtschaft gibt. Das gern als barmherzige Tat dargestellte Werkstättensystem erschwert zudem de facto den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt
Ein Leser berichtet von zwei blinden Kommilitoninnen, die nach ihrem Studium keinen Job in ihrem Fachbereich fanden, da die Software mit marktbeherrschender Monopolstellung, die die meisten Firmen nutzen, nicht screenreaderkompatibel ist. Ein weiterer Leser berichtet davon, wie er als Freiberufler im Aufbau wegen zu wenig Wochenstunden keine Arbeitsassistenz bekommt. Eine Einsendung schreibt davon, dass der Betroffene mit seiner sichtbaren Schwerbehinderung jahrelang keinen Job fand, weil er gar keinen Ausbildungsplatz bekam. Die Arbeitgeber*innen waren nicht bereit, Barrierefreiheit zu schaffen und lehnten ihn somit immer ab. Schlussendlich brauchte er zwei Studienabschlüsse und musste mehrere Jahre in der Arbeitslosigkeit verbringen, bis er nun einen Arbeitsplatz hat, der passt.
Bei Bewerbungsgesprächen zeigt sich bisweilen Desinteresse, wenn z.B. trotz einer Viertelstunde Schilderung des Umgangs mit einer Sehbehinderung bzw. mit Hilfsmitteln wie dem Blindenstock Fragen gestellt werden wie „Am Übertragungswagen sind aber doch Stufen?“. Das sind dann auch nur symptomatische Fragen, die mehr oder weniger ahnnungslose Haltung wird nicht etwa durch Neugier wettgemacht, sondern setzt sich in all ihrer Ignoranz auf allen möglichen Feldern fort. Da werden dann auch behinderungsbedingte Anpassungen nicht verstanden und dementsprechend nicht umgesetzt.
Falls diese oder vergleichbare Hürden nicht da waren oder überwunden werden konnten, kommen wir nun zum Arbeitsplatz selbst. Eines der am häufigsten genannten Probleme besteht darin, dass Dokumente/Präsentationen bei Fortbildungen, Tagungen, Arbeitssitzungen oder ähnlichen Veranstaltungen in der Regel nicht in barrierefreier Form vorliegen. Die Arbeit, diese umzuwandeln, wird dann zusätzlich noch denen aufgebürdet, die sie brauchen. Auch sind Seminarhäuser oft nicht barrierefrei, ohne taktile Beschriftungen oder andere Hilfsmittel.
Als blinder oder sehbehinderter Mensch müssen notwendige Hilfsmittel zunächst beim Kostenträger beantragt werden, sie sind nicht schon standardmäßig vorhanden wie das z.B. in Großbritannien vorgeschrieben ist. Bis die Hilfsmittel kommen, muss natürlich aber schon gearbeitet werden, die Wartezeit kann sich bis über Monate hinziehen.
Der oft schon erwähnte Eindruck, dass Barrierefreiheit von Seiten der Arbeitgeber*innen höchstens als lästiges Anhängsel und nicht als Grundvoraussetzung gesehen wird, setzt sich auch in der Erzählung einer Medizinerin fort, die davon schreibt, dass an dem Krankenhaus, an dem sie ihre Ausbildung absolviert, nur ein einziger Behindertenparkplatz existiert, der ihr aber wieder aberkannt wurde. Nur weil der Chefarzt nun mit dem Fahrrad fährt und ihr seinen Platz gegeben hat, kann sie dennoch ohne größere Probleme in der Nähe des Eingangs parken.
Auch andere bürokratische und institutionelle Barrieren machen den Menschen das Leben schwer. Eine Einsendung berichtet davon, wie die betreffende Person wegen einer Behinderung in die Erwerbsminderungsrente gerutscht ist. Sie könnte und möchte auch noch zusätzlich ein bisschen arbeiten, um mehr Geld zu haben. Da aber Minijobs nicht sozialversicherungspflichtig sind, wird die Arbeitsplatzausstattung nicht finanziert, somit kann die Arbeitsstelle nicht angetreten werden.
Seit Jahrzehnten müssen Betriebe, die mindestens fünf Menschen mit Schwerbehinderung angestellt haben, diese eine Schwerbehindertenvertretung (SV) wählen lassen. In der Praxis ist die Wahl meist nicht ganz so demokratisch und die Geschäftsleitung wählt oft selbst jemanden aus, der/*/die vor allem arbeitgeberfreundlich auftritt. Diese SV braucht bisher auch keine Schulung, womit sich auch eine Einsendung befasste. Gesetze und Verordnungen sind nicht bekannt, die anderen werden nicht über ihre Rechte aufgeklärt und kommen also gar nicht dazu, von der SV irgendwie zu profitieren.
Die schon öfter in den Barrieren der Woche zur Sprache gekommene Hektik, die in der Gleichung Zeit=Geld steckt, die gerade die Arbeitswelt im Kapitalismus flächendeckend beherrscht, wirkt sich natürlich auch auf Menschen mit Behinderung aus, die möglicherweise wegen ihrer Behinderung eben nicht immer ganz schnell und auf Abruf zu allen möglichen Zusatzleistungen imstande sind. Der Zeitdruck kann sich dann auch psychisch bemerkbar machen.