Barrierenbrecherin der Woche: Andrea Eberl

Barrierenbrecherin der Woche: Andrea Eberl lächelnd, mit Mikrofon und Weinglas in der Hand, im Hintergrund eine Lautsprecherbox.

Die Barrierenbrecherin dieser Woche ist Andrea Eberl. Neben ihrem Aktivismus für u.a. die Rechte von Menschen mit Assistenzhund ist sie zudem auch als Sängerin aktiv. Ihr findet sie bei facebook (ihr Profil oder die Seite für die Musik), LinkedIn, Twitter, Instagram und auf ihrer Website

Wie hast du angefangen, etwas gegen Barrieren zu tun?

Ich habe Anfang der 1990er – wissentzlich – damit begonnen, etwas gegen Barrieren zu tun. Damals bekam ich meinen ersten Blindenführhund, und ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass in dem Bereich viel getan werden muss. Damals gab es noch kein Internet, zumindestens nicht für mich. Ich erinnere mich noch daran, wie schockiert ich war, als ich mit einem Bekannten und meiner Blindenführhündin in Athen in einer Taverne im Freien saß und niemand zu uns kam, weil der Hund dabei war. Wir haben dort nichts zu essen bekommen. Wir wurden einfach ignoriert. Bei jeder Bus- oder Zugfahrt musste ich mit Hilfe von Einheimischen Aufklärungsarbeit betreiben und befürchten, nicht mitgenommen zu werden. Bis zum Beitritt Griechenlands in die EU wurden Blindenführhunde dort nicht als Hilfsmittel wahrgenommen, und auch jetzt besteht dort immer noch ein anderes Denken über Hunde als bei uns.

Auch in Deutschland muss man ständig Aufklärungsarbeit betreiben. Dabei gibt es den Blindenführhund schon so lange: in Deutschland, den USA und Großbritannien. In den USA und Großbritannien ist es selbstverständlich, dass man mit seinem Blindenführhund überall Zutritt hat. In den anderen Ländern muss ich aber immer wieder feststellen, dass wir täglich damit rechnen müssen, Aufklärungsarbeit betreiben und gegen Unwissenheit und Vorurteile kämpfen zu müssen. Als ich noch in Österreich wohnte, wurde mir immer erzählt, in Deutschland sei es besser. Da gäbe es gesetzliche Regelungen, die es in Österreich bis 1997 noch nicht gab. Das war einer der Gründe für meinen Umzug 1997 nach Köln. Es stimmt. Einiges ist hier besser geregelt, aber längst noch nicht alles. So lange in vielen diskriminierenden Situationen das Hausrecht greift, sind wir mit unseren Assistenzhunden, die es für Menschen mit verschiedenen Behinderungen gibt, chancenlos. Normalerweise komme ich mit Aufklärung gut weiter, aber es gibt auch Ausnahmefälle, wo ich an meine Grenzen stoße oder gegen Wände renne.

Hat sich seitdem etwas geändert?

Je länger ich mich – nicht nur für den Personenkreis der Blinden – einsetze, umso mehr fällt mir auf, dass es noch viel zu tun gibt. Als erstes gilt es, seinen Horizont zu erweitern. Und wenn man das halbwegs geschafft hat, dann nimmt man meistens auch die Barrieren, die Menschen mit anderen Behinderungen betreffen, Wahr. Das hat für mich und in mir sehr viel verändert. Nein, draußen hat sich leider nichts verändert.

Was ist für dich dabei Erfolg und welcher ist dir besonders im Gedächtnis geblieben? 

Ich glaube, man bekommt vom Erfolg, falls es welchen gibt, nicht viel mit, oder man nimmt ihn nicht wahr. Für mich sind die kleinen Schritte mein kurzer persönlicher Erfolg. Wenn ich merke, ich konnte jemanden für ein Problem sensibilisieren, das er zuvor noch nicht wahrgenommen hat, und ich konnte damit ein Umdenken erreichen, dann ist das schon ein Erfolg.

Welches Wissen magst du weitergeben an die, die etwas tun wollen, aber noch nicht angefangen haben?

Ich kann mich nur dann für eine Sache engagieren, wenn mir diese Sache eine Herzensangelegenheit ist. Sonst wird das nichts.

Was ist dein Ziel?

Mein Ziel ist, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir für keine einzige Selbstverständlichkeit mehr kämpfen müssen. Ich möchte morgens aufwachen und feststellen, dass alle Webseiten barrierefrei sind, dass alle Assistenzhunde überall willkommen sind, dass jeder im Rollstuhl überall hin kommt, dass Assistenz für alle Menschen mit Behinderungen ohne bürokratischen Aufwand zur Verfügung steht, dass Hilfsmittel nicht mehr beantragt werden müssen, sondern unbürokratisch zur Verfügung stehen, usw. Wir alle, die wir eine Behinderung haben, und auch Angehörige von Menschen mit Behinderungen, werden durch den bürokratischen Alltagswahnsinn, der uns sehr viel Lebenszeit kostet, viel mehr eingeschränkt als durch die Behinderung selbst.

Was treibt Dich an?

Mein Gerechtigkeitssinn, meine Ungeduld und meine Wut.