Baden im Kaarster See nur ohne Blindenhund

Idyllischer Kaarster See vom Ufer aus, im Vordergrund Büsche

Es ist ein heißer Sommertag. Einem Badetag steht nichts im Wege. Du packst Deine Badesachen ein, schnappst deinen Picknickkorb und setzt dich ins Auto oder machst dich mit Bus und Bahn auf den Weg. Am nahegelegenen See angekommen bezahlst du deinen Eintritt und suchst dir ein schattiges oder sonniges Plätzchen, genießt die Ruhe und liest ein Buch. Nach Sonnenuntergang trittst du den Heimweg an und freust dich über einen schönen Tag.

Bei mir war das bisher auch so. Ich war mit meinem Blindenführhund, als ich noch in Wien wohnte, in der Lobau, als ich in Köln wohnte, im Fühlinger See und beim Besuch einer Freundin im Bodensee baden. Mein jeweiliger Blindenführhund und ich  waren im Urlaub in Frankreich, Holland und viele Jahre in Griechenland im Meer. Wir waren meistens alleine unterwegs. Die Menschen waren hilfsbereit, und wir waren an allen Stränden willkommen.

Nun wohnen wir, meine vierbeinige Assistentin und ich, seit 2010 in Grevenbroich. Da wir die letzten Sommer in Griechenland verbracht haben, waren wir in der Umgebung nirgends am und im Wasser. Aufgrund der Corona-Pandemie freundete ich mich schweren Herzens mit dem Gedanken an, den Sommer teilweise zu Hause im Rhein-Kreis Neuss und teilweise eventuell an der Ostsee oder in Holland zu verbringen.

Der Kaarster See scheint der nächste See in der Umgebung zu sein, sagt Google, und für diesen Strand ist die Kreiswerke Grevenbroich GmbH zuständig. Ich kündige also dort freundlich mein Erscheinen mit meinem Blindenführhund an, frage, ob es – Corona bedingt – schon möglich sei, dort zu baden, erläutere, dass ich den Blindenführhund nicht die ganze Zeit an der Leine halten möchte, und weise freundlich darauf hin, dass er als Blindenhilfsmittel gilt und in Deutschland überall erlaubt sei. Ich hätte noch genauer nach einem Hundestrand fragen sollen, da mir ein solcher am angenehmsten wäre, weil ich dort meinem Tier besser gerecht werden könnte als an einem Strand, an dem man normalerweise Hunden den Zutritt verwehren würde. Allerdings finde ich im Rhein-Kreis Neuss und auch Richtung Bergheim über Google keinen See, der über einen ausgewiesenen Hundestrand verfügt.

Da ich allerdings, wie oben bereits erwähnt, mit meinem Blindenführhund schon viele verschiedene Strände besucht habe und es dort nie ein Problem war, den Hund zur Abkühlung frei zu lassen, habe ich mir bisher nie darüber Gedanken gemacht, dass dies ein Problem darstellen könnte.

Ein paar Tage nach dem Versand meiner diesbezüglichen E-Mail erhielt ich den erwünschten Anruf eines Herrn von der Kreiswerke Grevenbroich GmbH, über den ich mich in den ersten Sekunden freute. Man wolle mir, aber nicht meinem Blindenführhund, das Baden im Kaarster See ermöglichen, hieß es. Der Blindenführhund müsse stets angeleint sein, einen Maulkorb tragen und dürfe das Wasser nicht betreten. Ferner sei der Besuch des Badesees für uns nur dann möglich, wenn ich, als erblindete Person, eine Begleitperson mit brächte, da die Aufsichtskräfte der Kreiswerke Grevenbroich GmbH eine individuelle Betreuung nicht sicherstellen könne. Ich aber hatte gar nicht um eine individuelle Betreuung gebeten, sondern lediglich angekündigt, mit meinem Blindenführund zum Baden zu kommen. Da wurde mir doch glatt die Entscheidung abgenommen, ob ich die Mitnahme einer Begleitperson in Erwägung ziehen möchte oder nicht. Mit so viel Hilfsbereitschaft hatte ich doch gar nicht gerechnet *Ironie off*. Das ist ganz klar eine Entmündigung aller blinder Personen.

Ich ärgerte mich in dem Moment nicht nur über diese völlig unpraktikable Lösung den Blindenführhund betreffend, sondern auch darüber, dass der Mann all das so darstellte als hätte er mir gerade von einer genialen Idee erzählt, über die ich doch sehr zufrieden und dankbar sein müsse. Ich versuchte ruhig zu bleiben und wandte ein, dass ich seit vielen Jahren im Ausland alleine mit Blindenführhund auf Campingplätzen lebe und selbst wisse, was gut für mich sei, und dass der Hund mein Assistent sei, und gab zu bedenken, dass mich, wenn ich nicht alleine mit Führhund an den Strand dürfe, die Kreiswerke Grevenbroich GmbH dazu zwingen würden, außerhalb des Strandes wild baden zu gehen. Der Mann erklärte mir, dass dort Surfer und Boote seien und dass dies gefährlich ausgehen könnte. Er versicherte mir, sich noch einmal zu erkundigen und mich in Kürze wieder anzurufen.

Wir beendeten an dieser Stelle das eher suboptimal verlaufene Gespräch, dem ein sehr unangenehmer E-Mail-Verkehr folgte, in dem, trotz vieler Einwände und Erläuterungen meinerseits, den mir von der Kreiswerke Grevenbroich GmbH auferlegten Regeln, die für meinen Blindenführhund und mich eine klare Diskriminierung darstellen, Ausdruck verliehen wurden.

Inzwischen hatte ich mich bei den verschiedenen Fachgruppensprecherinnen des Arbeitskreises der Blindenführhundhalter zum aktuellen Stand der Sachlage erkundigt. Dabei stellte sich heraus, dass für die Bestimmungen dazu nicht nur jedes einzelne Bundesland, sondern sogar jede einzelne Kommune zuständig sei. Allerdings bestehe innerhalb Deutschlands keine Maulkorbpflicht für Assistenz- und Blindenführhunde.

An der Ostsee z.B. dürfen Blindenführhunde an Nicht-Hundestränden ins Wasser, wenn sie ihren Besitzer dorthin begleiten müssten. In der Praxis bedeutet das: Pfoten rein und wieder raus. Man kann den Führhund im Führgeschirr nicht schwimmen lassen und sich am Führbügel festhalten, denn dann taucht man den Hund unter. Das habe ich vor vielen Jahren mal ausprobiert, als ich mit meinem Blindenführhund im Rhein schwimmen wollte, wovon ich der Strömung wegen dringend abraten möchte. Aber das wäre eine andere spannende Geschichte.

Ich empfehle jedem, der dagegen ist, dass Blindenführ- und Assistenzhunde in Badeseen das Wasser betreten, sich bei 30 – 40 Grad im Wintermantel an den Strand zu setzen und abzuwarten, was passiert. Der Mensch kann nach solch einem verrückten Experiment seinen Wintermantel ausziehen, der Hund kann es nicht. Der Blindenführhund ersetzt meine Augen. Ich denke, jeder sehende Mensch pflegt seine Augen. Ich habe eine besondere Sorgfaltspflicht meinen vierbeinigen Augen gegenüber, die eine spezielle Ausbildung genossen haben und nicht aus der Ruhe zu bringen sind. Da greift auch das Argument nicht, dass Situationen eintreten können, in denen jeder Hund gestresst sein und unerwartet reagieren kann. Nach dieser Logik dürfte man mit Blindenführ- und Assistenzhunden keine öffentlichen Verkehrsmittel betreten, in denen man dicht aneinander gedrängt sitzt oder steht. Sehende Menschen richten ihren Blick meist nicht auf den Boden. Da tritt der eine oder andere auch mal unbeabsichtigt auf den Schwanz eines Blindenführhundes. In derlei Situationen macht der trainierte Blindenführhund nicht einmal einen Mucks.

Es ist im Übrigen meine Entscheidung, was ich mir und meinem Blindenführhund zutraue und zumute, nicht die Entscheidung der Kreiswerke Grevenbroich GmbH. Ich werde aufgrund der Entmündigung durch die Kreiswerke Grevenbroich GmbH an der Teilhabe am sozialen Leben im Rhein Kreis Neuss gehindert.

Es ist ein Aufruf zur Tierquälerei, den Assistenzhund die ganze Zeit mit Maulkorb auszustatten und ihm die Abkühlung im Wasser zu verweigern. Die Krankenkasse würde bei mir sofort auf der Matte stehen, wenn ich meinen vierbeinigen Assistenten so schlecht behandeln und damit meine Sorgfaltspflicht ihm gegenüber vernachlässigen würde. unsere Assistenzhunde sind keine technischen Hilfsmittel, die sich nach Vorwarnung wie ein Iphone ausschalten, sobald es ihnen zum Arbeiten zu warm wird.

Laut dem Zeitungsartikel vom 16.6.2020 in der NGZ (Neuss Grevenbroicher Zeitung) ist die Kreiswerke Grevenbroich GmbH nicht dazu bereit, einen ausgewiesenen Hundestrand anzulegen. Begründet wird das damit, dass Die Hunde von dort aus in den Badebereich schwimmen könnten, den man nicht vom Hundestrand abgrenzen könne. Da stelle ich mir die Frage, wie diese Option an anderen Stränden, die über einen ausgewiesenen Hundestrand verfügen, ausgeschlossen wird.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist ein warmer Sommertag, und ich würde mich jetzt gern vom Behindertenfahrdienst, der Konradius GmbH, an den Strand vom Kaarster See bringen lassen. Ich würde mir dort von den MitarbeiterInnen einen Platz oder Liegestuhl zeigen lassen, und danach bräuchte sich niemand von ihnen mehr um mich und Enny kümmern. Ich käme mit freundlichen Menschen ins Gespräch, die ebenfalls in der Sonne chillen würden, und diese Menschen sind immer hilfsbereit und brächten mir was zu essen oder zu trinken. So habe ich es an vielen Stränden erlebt. Oder würde mir das in Deutschland etwa als Belästigung anderer Badegäste ausgelegt werden? Für mich hingegen wäre das gelebte Inklusion. Abends würde uns beide der Behindertenfahrdienst wieder abholen.

Der diskriminierenden Auflagen wegen werde ich einen Tag am Kaarster See, zumindestens am beaufsichtigten Strand, meinen vierbeinigen Augen natürlich nicht zumuten. Da tut es auch die gute alte Dachterrasse ohne Schwimmvergnügen. Aber nicht jeder Mensch mit Behinderung und Assistenzhund hat die Möglichkeit, sich auf eine solche Oase zurück zu ziehen, um sich nicht freiwillig mit dem viel zu laut wiehernden Amtschimmel herumschlagen zu müssen. Auch mir wird die Oase für den Sommer nicht ausreichen.

Inzwischen habe ich mich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewendet, die dazu sagt, dass schon einige gegen derlei Formen der Diskriminierung erfolglos den Weg vor Gericht beschritten haben, weil auch dann das Hausrecht greift, wenn es sich um einen Badesee handelt, sobald man dort Eintritt bezahlt. Wild baden sei allerdings möglich.

Es müsste in Deutschland eine allgemein gültige Regelung für den Aufenthalt an Badeseen mit Assistenzhunden geben, damit wir uns dort immer willkommen fühlen können, wie nichtbehinderte Badegäste auch.

Es versteht sich von selbst, dass niemand mit Assistenzhund in einem öffentlichen Schwimmbecken baden möchte. Aber einem Assistenzhund das Betreten eines Sees zu verweigern, wo nicht verhindert werden kann, dass dort Fische oder Vögel ihre Notdurft verrichten, das ist in einem Land wie Deutschland, in dem es viele Situationen gibt, in denen es andere Regelungen für den Assistenzhund als für den Haushund gibt, eine Situation, die ich als Diskriminierung aller behinderter Menschen mit Assistenzhund wahrnehme.

Falls ihr, liebe LeserInnen, euch über diesen Vorfall genauso empört wie ich, dann schreibt doch eine E-Mail dazu an die Kreiswerke Grevenbroich GmbH

info@kw-gv.de,

geht hin oder nehmt den Telefonhörer in die Hand, um eurer Empörung Ausdruck zu verleihen. Das ist vermutlich noch effektiver als der virtuelle Weg.

 

Kreiswerke Grevenbroich GmbH

Am Schellberg 14 · 41516 Grevenbroich

Telefon 02182 1705-0

Telefax 02182 1705-15

E-Mail: info@kw-gv.de

Website:

www.kw-gv.de

 

Die gesetzlichen Bestimmungen für die Mitnahme von Assistenzhunden findet Ihr hier:

www.dbsv.org › rechtsfragen-zum-blindenfuehrhund 

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Text: Andrea Eberl