Barrierenbrecherin der Woche: Lisa Mümmler

Diese Woche möchten wir euch Lisa Mümmler vorstellen. Sie hat den Text über das unnötig komplizierte Ticketbuchungssystem der Bahn geschrieben und bloggt seit Jahren auf Lizzis Welt. Ihr findet sie auch bei Instagram, facebook und Twitter.

Wie hast du angefangen, etwas gegen Barrieren zu tun und hat sich seitdem etwas geändert?

Die ersten Barrieren, auf die ich gestoßen bin, waren vorwiegend in meinem Kopf und hatten mit dem Thema Behinderung rein gar nichts zu tun. Vielmehr mit der Gesellschaft, der Welt und dem Leben – zwar fühlte ich mich schon als Kind wie ein Einhorn, anders, ungewöhnlich, nicht normal – aber mein Denken war begrenzt, stark bewertend und gelenkt, wie das der meisten. Das änderte sich während meines Philosophiestudiums grundlegend. Alles, was ich zu wissen glaubte, riss ich ein, hinterfragte es und fand hinter den vorgefertigten Normen der Allgemeinheit – mich und meine Wahrheit. Meine eigenen Barrieren brachen.

Seitdem bin ich persönlich gewachsen, habe mich weiterentwickelt und auch mit meiner Sehbehinderung sehr intensiv auseinandergesetzt. Das war wichtig, denn dadurch kam ich ins Gleichgewicht, fand meinen Platz in der Welt. Und nun ruhe ich in mir, weiß wer ich bin und das gibt mir die Kraft, etwas zu verändern, etwas nach außen zu tragen. Wie? Zuallererst, indem ich darüber schreibe – über das Leben mit Behinderung, über Barrieren und Lösungen und alles, was dazugehört. Authentisch, emotional, positiv – so, wie ich eben bin 

Was ist für dich dabei Erfolg und welcher ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Auch wenn ich manchmal denke, dass es „nur“ Worte auf meinem Blog sind, so bekomme ich doch wundervolle Resonanz, die mir zeigt, dass ich Menschen damit erreiche, sie berühre, ihnen sogar helfe. Meine Offenheit ist für mich selbstverständlich geworden und auch, dass ich aktiv gegen Barrieren in meinem Alltag vorgehe. Im Fitnessstudio, im Yogakurs, auf Reisen… Für viele ist das jedoch mutig, taff, sogar beispielhaft, Attribute, die ich selbst gar nicht mit mir verbinde. Für mich ist es das Schönste, wenn mir jemand schreibt, dass ich ihm Hoffnung, Mut und Energie gegeben habe, sich für sich selbst stark zu machen, sich eigenen Barrieren im Alltag entgegenzustellen. Oder wenn mich Eltern von sehbehinderten Kindern um Rat bitten oder gar sagen, sie fürchten sich weniger vor der Zukunft ihres Kindes, weil sie sehen, wie ich damit umgehe, was man erreichen kann. Einmal schrieb mir eine Leserin, sie habe seit Jahren so ein Gefühl im Bezug auf ihre Behinderung, das sie jedoch nicht ausdrücken könne. In einem Artikel hätte ich das für sie getan, ich habe Worte da gefunden, wo sie keine hatte. Ihr kamen beim Lesen die Tränen, weil sie so froh war, es endlich rauslassen, ja greifen zu können. Das hat mich sehr berührt und wird mir wohl ewig im Gedächtnis bleiben.

Offenheit ist eine viel unterschätzte Kraft, das lernte ich, als ich vor ein paar Jahren den Stuttgarter Nachrichten ein Interview zum Sehbehindertentag gab, in dem ich von einem traumatischen Sturz auf einer nicht markierten Treppe sprach. Kurz nach der Veröffentlichung sprach man mich in meiner Stammapotheke darauf an, fragte, wie man diese barrierefreier machen könne. Ich riet zur Markierung der Stufe am Eingang. Ein Jahr später, war die Stufe nicht markiert, sondern verschwunden. Man hatte sie entfernen und durch einen schrägen Aufgang ersetzen lassen.

Welches Wissen magst du weitergeben an die, die etwas tun wollen, aber noch nicht angefangen haben?

Findet heraus, wer ihr seid, hinterfragt die Welt, bildet euch eure eigene Meinung und legt los! Traut euch! Richtig und falsch sind Illusionen, nur konstruierte Bewertungen, die von der jeweiligen Perspektive abhängen. Was für die meisten passt, muss für euch noch lange nicht in Ordnung sein. Es gibt kein Richtig für alle, kein Falsch für jeden. Nur viel Spielraum dazwischen. Fragt euch nicht zu viel, ob ihr dürft, könnt, solltet. Zweifelt nicht an euch oder macht euch und eure Bedürfnisse kleiner. Ihr dürft wollen, fordern, für euch kämpfen. Wenn ihr in eurem Herzen spürt, dass sich etwas ändern muss, packt es an!

Was ist dein Ziel? Was treibt dich an? 

Ich möchte weiterhin mit offenen, ehrlichen Worten Menschen erreichen, berühren und bewegen! Verständnis schaffen, wo noch keines ist. Aufklären, wo Bedarf besteht. Mut spenden, wer ihn braucht. Worte finden, wo diese fehlen. Barrieren brechen! Jeder Mensch hat besondere Talente. Meine sehe ich im Umgang mit Worten, Emotionen und Offenheit, garniert mit Positivität! Man muss ja nicht gleich die Welt retten. Es genügt, sie jeden Tag ein bisschen besser zu machen – für uns alle!