Barrieren der Woche im Gesundheitswesen

rDiese Woche haben wir auf Social Media Barrieren im Gesundheitswesen gesammelt. Es kamen sehr viele Einsendungen zusammen, das Thema ist offensichtlich sehr präsent! Wie jede Woche werden hier die Kommentare und Nachrichten zusammengefasst.

Am meisten Sichtbarkeit haben physische Barrieren wie Treppenstufen in oder an Arztpraxen. Wer nicht reinkommt, kann auch nicht behandelt werden. Die Innenausstattung erlaubt dann mitunter nicht genug Manövrierraum für Rollstühle, Stühle oder Liegen sind zu hoch, gynäkologische Stühle ohne Hebemechanik erschweren es Frauen mit motorischen Behinderungen, behandelt zu werden. Überhaupt scheinen gynäkologische Praxen ohne Barrieren kaum zu finden zu sein. Die meisten Praxen haben keine barrierefreien Toiletten geschweige denn überhaupt einen Platz, an dem ein Mensch im Rollstuhl warten kann, ohne im Weg zu sein.

Die beinahe vollständige Unterwerfung des Gesundheitssystems unter die Logik des Marktes und der Profitmaximierung führt dazu, dass Patient*innen als Kostenfaktoren behandelt werden. „Für solche Fälle bieten wir keine Therapie an“, wurde einer Leserin beim Arzt einmal gesagt, sogar in der direkten Ansprache wurde also über sie geredet. Wenn Zeit Geld ist, gibt es keine für Beratung und Rückfragen, die Dokumente können nicht in Ruhe gelesen werden, sie liegen zudem fast nie in barrierefreier Form vor. Wer auf leichte Sprache, digitale Lesbarkeit von z.B. Fragebögen oder Gebärdendolmetschung angewiesen ist, stößt schnell auf unüberwinderbare Hürden. Wenn in der Praxis niemand Zeit hat zu helfen, sollen Patient*innen Begleitpersonen mitbringen, was wiederum die Privat- und Intimsphäre beschädigen kann.

Da die meisten Praxen voller Barrieren sind, können dementsprechend wenige Patient*innen mit Behinderung dort behandelt werden, wodurch wiederum viele Ärzt*innen kaum Praxiserfahrung im Umgang mit den Krankheiten oder Behinderungen bekommen. Sie kennen sich dann weniger aus. Manche glauben den Patient*innen nicht ihre Schilderungen, nehmen sie nicht für voll, sprechen teilweise im Beisein über sie und ihre Erfahrungen in einem – so nannte es eine Frau in ihrer Nachricht – „haarsträubenden“ Tonfall. Manche Krankheiten sind noch wenig erforscht und kaum bekannt, die Betroffenen finden dementsprechend viel seltener Hilfe.

Krankenhäuser sind wie Praxen derselben Marktlogik unterworfen, es wird z.B. am Personal gespart. Eine Leserin schreibt davon, wie sie trotz einer chronischen Krankheit jeden Tag um die für sie essenziell wichtige Pflege kämpfen musste, sie fühlte sich wie eine Bittstellerin. Das Pflegepersonal wurde zunehmend wütend über ihre Beharrlichkeit, sodass es sie immer schlechter behandelte.

Auch die Krankenkassen wurden immer wieder als Quelle von Barrieren genannt. Die Einsendungen sprechen von Willkür statt Gleichberechtigung. Das Zweiklassensystem von gesetzlichen und privaten Krankenkassen führt dazu, dass Menschen mit Geld viel besser bzw. jene ohne Geld eindeutig schlechter dran sind. Trotz rechtlich eindeutiger Lage werden Hilfestellungen verweigert, die Aufklärung über Rechte gar nicht geleistet, Anträge verschleppt, extrem kompliziert kommuniziert, bis sich auch hier Patient*innen vor allem als Kostenfaktoren behandelt sehen. Die Entscheidung einer Kasse, die Prothese einer Patientin nicht zu bezahlen, führt dazu, dass sie keinen Sport machen kann, was wiederum weitere Auswirkungen auch auf ihre Gesundheit hat.

Eine weitere strukturelle Barriere liegt in der Bürokratie der Gesundheitsbehörden, wo ebenfalls viel von Machtmissbrauch und Willkür berichtet wird. So schreibt ein Betroffener davon, wie er alle zwei Jahre seinen Schwerbehindertenausweis neu beantragen muss, obwohl er nachweislich unheilbar erkrankt ist. Die ständige Verunsicherung und Angst, herabgestuft oder gar abgelehnt zu werden, schlägt auf die Psyche.

Das Gesundheitswesen braucht also wie die gesamte Gesellschaft dringend eine Generalüberholung. Die jetzigen Zustände stellen die Demokratie in Frage, da eben nicht gleiche Rechte für alle Menschen gelten.