Barrierenbrecherin der Woche: Nina Becker

Ein Mal pro Woche stellen wir die/den Barrierenbrecher*in der Woche vor. Das sind diejenigen Menschen, die ganz konkret gegen Barrieren vorgehen, die sie selbst oder andere daran hindern, gleichberechtigt und selbstbestimmt ihr Leben leben zu können. Heute ist Nina Becker aus Mainz an der Reihe. Ihr findet sie bei facebook oder Instagram.

1. Wie hast du angefangen etwas gegen Barrieren zu tun und hat sich seitdem etwas geändert?

Wann oder wie genau ich damit angefangen habe, kann ich heute gar nicht mehr genau sagen. Ich hatte schon immer meinen ganz eigenen Willen, der also mit allen möglichen Mitteln durchgesetzt werden musste. Es fing schon damit an, dass ich mich strikt weigerte, auf eine Schule für Blinde und Sehbehinderte zu gehen, da ich so „normal“ wie möglich sein wollte und mich nicht anders als die anderen Kinder fühlte. Meine Familie und die Leute in meinem Umfeld taten also alles in ihrer Macht stehende, um mir eine Laufbahn in der Regelschule zu ermöglichen. Auf diesem Weg stieß ich immer wieder auf verschiedenste Barrieren, von denen ich mich jedoch niemals aufhalten ließ. Irgendwie fand sich für mich immer ein Weg, sodass ich nun schließlich sogar an der Universität gelandet bin. Seit meinem Studienbeginn habe ich damit angefangen, mich wirklich aktiv und selbstständig für mehr Barrierefreiheit und Inklusion einzusetzen, indem ich beispielsweise mit verschiedenen Stellen an der Uni zusammenarbeite, um den Campus barrierefreier zu gestalten. Durch diese aktive Mitwirkung eröffnen sich mir seitdem immer neue Möglichkeiten, wie ich meine persönlichen Erfahrungen weitergeben und Verbesserungsvorschläge machen kann.

 

2. Was ist für dich dabei Erfolg und welcher ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Beim Kampf gegen Barrieren bedeutet für mich Erfolg nicht zwangsläufig, dass etwas Großes oder Weltbewegendes passieren muss, dass die ganze Situation grundlegend verändert. Denn oft entwickeln sich die Dinge gerade in diesem Bereich sehr schleppend, sodass man viel Geduld und Kampfgeist mitbringen muss. Daher freue ich mich oft schon über kleine Schritte in die richtige Richtung: Es ist beispielsweise toll, wenn Leute zunehmend ein Bewusstsein für mögliche Barrieren und verschiedene Beeinträchtigungsformen entwickeln und sich dafür interessieren, wie ich die Welt erlebe. Es freut mich ungemein, wenn ich von Zuständigen nach meiner Meinung gefragt werde und diese offen äußern darf. Ob sich letztendlich etwas dadurch verändert, ist erst einmal nicht wichtig. Es ist für mich schon viel Wert, wenn überhaupt Interesse an meinen Erfahrungen besteht und man versucht, verschiedene Blickwinkel in die Diskussion einzubringen.

Deshalb ist es auch keine konkrete Veränderung, die mir auf meinem Weg besonders in Erinnerung geblieben ist, sondern die zahlreichen Möglichkeiten, die sich in den letzten Jahren für mich ergeben haben. Mittlerweile arbeite ich an der JGU Mainz regelmäßig mit der Servicestelle für barrierefreies Studieren und dem Zentrum für Datenverarbeitung zusammen, um verschiedene Bereiche im Studium auf Barrierefreiheit zu testen und Lösungsstrategien zu erproben. Ich finde es unglaublich toll, so viele Menschen kennengelernt zu haben, die meine Meinung schätzen und mich regelmäßig als Expertin in eigener Sache heranziehen.

Ein weiteres Highlight war es für mich, bei der Entwicklung des Kinderbuchs „#alle behindert“ des Klett Kinderbuchverlags mitwirken zu dürfen und dort aus meinem Leben zu berichten.

 

3. Welches Wissen magst du weitergeben an die, die etwas tun wollen, aber noch nicht angefangen haben?

Seid mutig und tretet aktiv für eure Belange ein. Ihr alle habt eine Stimme und eine Meinung, die gehört werden will. Denn nur ihr selbst könnt auf die Barrieren hinweisen, die euch im Alltag begegnen bzw. einschränken. Habt keine Angst aktiv dagegen vorzugehen, denn das Schlimmste, was passieren kann ist, dass gar nichts passiert. Lasst euch davon nicht entmutigen und kämpft solange weiter, bis sich etwas verändert. Gemeinsam sind wir stark und können diese Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen machen. Wir dürfen uns nicht mehr kleinhalten und ignorieren lassen, sondern müssen den Leuten zeigen, dass auch wir Bedürfnisse und Wünsche haben, die teilweise ganz einfach zu erfüllen wären, wenn nur etwas dafür getan wird.

 

4. Was ist dein Ziel? Was treibt dich an?

Mein Ziel war es schon immer, Menschen auf mich und meine Lebenssituation aufmerksam zu machen und mir und allen anderen Beeinträchtigten ein möglichst selbstbestimmtes und normales Leben zu ermöglichen. Wenn ich auf scheinbar unüberwindbare Barrieren stoße, wird dadurch erst Recht mein Kampfgeist geweckt, da ich fest daran glaube, dass es immer Möglichkeiten und Wege gibt, man muss sie nur finden. Deshalb will ich niemals aufgeben, bis ich nicht alle Mittel erschöpft habe. Ich möchte in der Welt einen bleibenden Eindruck hinterlassen und Menschen mit Beeinträchtigung etwas geben, das ihnen ihr Leben erleichtert. Nicht jeder hat die persönliche Stärke und die psychische Belastbarkeit, um ein Leben lang immer wieder aufs Neue zu kämpfen. Aus diesem Grund will ich meine Ressourcen dafür einsetzen wo ich nur kann, damit es auch für diese Menschen Chancen auf ein glückliches und erfülltes Leben gibt.