Dass es für mich als Blinde nicht leicht ist, mich allein und selbstständig im Straßenverkehr zu bewegen, ist gut vorstellbar. Trotzdem ist eine gewisse Orientierung auf bekannten Wegen mit Blindenstock prinzipiell möglich. Allerdings endet die Selbstständigkeit in Mainz für mich schon wenige Schritte nachdem ich das Haus verlassen habe. Die Straßenbahnhaltestelle „Berliner Straße“ befindet sich mitten auf der vielbefahrenen Geschwister-Scholl-Straße in der Mainzer Oberstadt und verfügt über keine akustische Signalanlage. Der Weg über die Gleise ist also ungesichert. Nun sollte es aber doch kein Problem sein, anfahrende Straßenbahnen rechtzeitig zu hören und somit die Gefahr abzuschätzen, sollte man meinen.

Aber weit gefehlt: Wenn ich an der Haltestelle stehe, höre ich zwar deutlich die jeweils zwei Fahrspuren hinter und vor mir, aber Straßenbahnen erst, wenn sie mich quasi schon überfahren hätten. Selbst mit zahlreichen Hörübungen in Begleitung von Sehenden, ließ sich diese Situation nicht verbessern. In den meisten Fällen rettete mich nur der Hinweis meiner sehenden Begleitung vor dem Überfahrenwerden, da ich keine Straßenbahn hören konnte und somit die Gleise überquert hätte. Wie ernst die Situation ist, kann man ganz leicht selbst testen, indem man sich mit geschlossenen Augen an eine Straßenbahnhaltestelle stellt und mal darauf achtet, ab wann man ankommende Bahnen tatsächlich hört.

Antwort der Stadt Mainz: Wir können nichts machen

Als ich mich mit diesem Problem an die Stadtverwaltung Mainz wandte, wurde mir zwar aufmerksam zugehört und sich bemüht, letztendlich hieß es jedoch, dass es für mein Problem keine akzeptable Lösung gäbe. An den neueren Mainzelbahnhaltestellen existiert ein System mit akustischer Ampelanlage, die durch einen Signalton angibt, wann eine sichere Querung möglich ist. Da die Technik rund um die Haltestelle „Berliner Straße“ jedoch völlig veraltet sei, wäre ein solches System hier nicht kompatibel.

Ich habe also nach wie vor die Wahl, ob ich meine Selbstständigkeit aufgrund von zwei Metern Schienen aufgeben möchte und mir immer eine sehende Begleitung organisiere oder ob ich tagtäglich mein Leben riskiere, wenn ich auf gut Glück die Gleise überquere und einfach hoffe, dass in diesem Moment keine Straßenbahn in der Nähe ist.

Was tun? – Doch, könnt ihr :)!

Dieser Zustand ist natürlich unhaltbar und daher möchte ich weiterhin, dass er behoben wird. Es bin auch nicht nur ich, die gefährdet ist, für alle Menschen mit Sehbehinderungen besteht hier Lebensgefahr. Ich möchte euch daher bitten, ebenfalls einmal bei der Stadt Mainz anzuklopfen und höflich, aber bestimmt eine Signalampel für diesen Ort zu fordern. Ihr könnt das per Telefon: 06131 12 4421 oder per Mail an den für die Lichtzeichenanlagen zuständigen Herrn Oliver Dietrich tun. Denn so kann es nicht bleiben.

Text: Nina Becker